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Fast 60 Jahre gemeinsam durchs Leben: Prisca und Felix Walker im Gespräch

1. Jan. 2026
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Sie gehörte zu den ersten Innerrhoderinnen, die als Stewardess bei der Swissair arbeiteten, führte später Gäste wie Hillary Clinton durch St. Gallen und prägte die Stadt während Jahrzehnten als Stadtführerin mit.

Er stand an der Spitze von Raiffeisen und wechselte nach seiner Pensionierung direkt ins Bundeshaus. Seit 1967 gehen Prisca und Felix Walker ihren Weg gemeinsam. Im Gespräch erzählen sie von beruflichen Entscheidungen, bekannten Begegnungen, Familie – und davon, was nach fast sechs Jahrzehnten Ehe wirklich zählt.


Wenn Prisca und Felix Walker aus ihrem Leben erzählen, führt die Reise vom Appenzellerland ins Wallis, von der Swissair zu Raiffeisen, von Stadtführungen durch die Gallusstadt bis in den Nationalrat.


Schnell wird klar: Hier sitzen nicht einfach ein ehemaliger Bankchef und seine Ehefrau. Prisca und Felix Walker haben beide ihre eigene Geschichte – und zusammen eine gemeinsame, die inzwischen fast sechs Jahrzehnte umfasst.


Seit fast 60 Jahren gemeinsam unterwegs: Prisca und Felix Walker leben heute im Altersheim Rotmonten.
Seit fast 60 Jahren gemeinsam unterwegs: Prisca und Felix Walker leben heute im Altersheim Rotmonten.

Eine Innerrhoderin, die hinaus in die Welt wollte


«Ich bin Appenzellerin», sagt Prisca Walker-Knechtle.

Aufgewachsen ist sie in Appenzell Innerrhoden. Früh wusste sie, dass sie gerne mit Menschen zusammen ist und gleichzeitig mehr sehen wollte als nur das, was direkt vor der eigenen Haustür lag.


Mit rund 19 Jahren entschied sie sich deshalb für einen damals aussergewöhnlichen Weg: Sie gehörte zu den ersten Innerrhoderinnen, die bei der Swissair als Stewardess tätig waren.


Vier Jahre lang gehörten Reisen, neue Länder und Begegnungen mit Menschen aus aller Welt zu ihrem Alltag. Diese Offenheit blieb. Auch später zog sich die Freude an Menschen, Sprachen und Geschichten wie ein roter Faden durch ihr Leben.


1979 zog Prisca gemeinsam mit Felix von Laufenburg nach St. Gallen. Die Stadt, die später zu einem wichtigen Teil ihres Lebens werden sollte, musste sie zunächst selbst erst entdecken. Als der damalige Verkehrsdirektor sie fragte, ob sie Stadtführungen übernehmen wolle, sagte sie spontan zu.


Aus der spontanen Zusage wurden 33 Jahre.



Stadtführerin mit Leidenschaft


Prisca Walker zeigte ihren Gästen nicht einfach nur ein paar Sehenswürdigkeiten. Sie brachte ihnen die Stadt nahe – ihre Geschichte, ihre Eigenheiten, ihre Schönheit, ihre Kultur. Dazu kamen ihre Sprachkenntnisse: Neben Deutsch spricht sie Englisch und Französisch, was ihr schon während der Zeit bei der Swissair zugutekam und später auch als Stadtführerin.


Dabei blieb ihre Arbeit nie reine Routine. Wer sie hörte, sollte nicht einfach Informationen bekommen, sondern ein Gefühl für St. Gallen entwickeln. Die Geschichte der Stadt verband sie mit der Gegenwart, mit Universität, Theater, Stiftsbibliothek und Textiltradition.


Und sie nahm ihre Aufgabe ernst. Teilweise stand sie morgens schon früh auf, um sich vorzubereiten, noch bevor die drei Kinder zur Schule gingen.


Gerade dieser Punkt zeigt viel von ihrem Leben: Prisca war nie bloss «die Frau von». Sie hatte ihre eigene Aufgabe, ihre eigene Präsenz, ihre eigene Art, Menschen zu begeistern – und organisierte daneben auch noch Familie und Alltag.



Hillary Clinton blieb bei ihr


Unter den Tausenden Besucherinnen und Besuchern, die Prisca Walker durch St. Gallen führte, waren auch prominente Namen.


Besonders lebhaft erinnert sie sich an Hillary Clinton. 1998 kam Clinton nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos nach St. Gallen. Während ein Teil der Gruppe weiter auf den Säntis wollte, blieb Hillary Clinton bei Prisca Walker und liess sich von ihr St. Gallen zeigen.


Prisca Walker mit Hillary Clinton und dem St. Galler Bischof Ivo Fürer bei Clintons Besuch in St. Gallen 1998
Prominenter Besuch in St. Gallen: Prisca Walker mit der damaligen First Lady Hillary Clinton und dem damaligen St. Galler Bischof Ivo Fürer im Jahr 1998.

Diese Begegnung ist mehr als nur eine nette Anekdote. Sie zeigt auch, wie Prisca gearbeitet hat: offen, herzlich, kompetent – und offenbar so, dass man gerne bei ihr blieb.


Auch andere prominente Begegnungen gab es in ihrem Leben. Doch was sie bis heute auszeichnet, ist weniger die Prominenz ihrer Gäste als ihre Fähigkeit, Menschen für einen Ort zu interessieren und mit ihnen in Kontakt zu kommen.



Ein berühmter Nachbar


Neben den grossen Namen gab es auch im ganz normalen Alltag Geschichten, die haften blieben.


Prisca und Felix erinnern sich etwa daran, dass der Fernsehmoderator Kurt Felix schräg gegenüber wohnte. Selbst bei Stadtführungen sei das gelegentlich ein Thema gewesen. Gäste wollten wissen, wo Kurt Felix und Paola wohnten.


Es sind solche kleinen Episoden, die das Leben greifbar machen. Und es sind genau diese Momente, die aus einem Lebenslauf ein Porträt werden lassen.



Vom Wallis an die Spitze von Raiffeisen


Felix Walkers Geschichte beginnt in Mörel im Wallis. Er wuchs in einer Familie mit elf Kindern auf. Später studierte er Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen und Freiburg, wo er auch promovierte.


Sein beruflicher Weg führte ihn zunächst zur Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg. 1979 wechselte er zum Schweizer Verband der Raiffeisenbanken. Dort übernahm er nach und nach mehr Verantwortung und stand ab 1989 als Vorsitzender der Geschäftsleitung an der Spitze der Gruppe.


Wenn Felix Walker heute auf sein Berufsleben zurückblickt, nennt er die Übernahme dieser Aufgabe als eine der prägenden Entscheidungen seines Lebens. Es war eine intensive Zeit: Reisen durch die ganze Schweiz, Besuche in Banken, Jubiläen, Veranstaltungen und zahlreiche Verpflichtungen – oft auch an Wochenenden.


Raiffeisen war damals längst mehr als eine kleine Genossenschaftsbewegung. Als Felix Walker Verantwortung trug, entwickelte sie sich zu einer der grossen Banken in der Schweiz.


Marius Cottier, Bundesrat Kaspar Villiger und Felix Walker bei einer Begegnung während Walkers Zeit bei Raiffeisen
Begegnung aus seiner Zeit bei Raiffeisen: SVRB-Verwaltungsratspräsident Marius Cottier (links), Bundesrat Kaspar Villiger (Mitte) und Felix Walker (rechts).


Nach der Pensionierung direkt ins Bundeshaus


1999 ging Felix Walker bei Raiffeisen in Pension.


Doch von Ruhestand konnte zunächst keine Rede sein. Im gleichen Jahr wurde er für die damalige CVP des Kantons St. Gallen in den Nationalrat gewählt. Bis 2006 vertrat er den Kanton St. Gallen in Bern.


Sein Schwerpunkt lag dort auf der Finanzpolitik. Er gehörte unter anderem der Finanzdelegation an und präsidierte später die Finanzkommission des Nationalrats.

Themen wie Bundesfinanzen, die Schuldenbremse und weitere finanzpolitische Fragen der Schweiz prägten diese Jahre.


Felix Walker während seiner Zeit im Nationalrat, dem er von 1999 bis 2006 angehörte. Bildquelle
Felix Walker während seiner Zeit im Nationalrat, dem er von 1999 bis 2006 angehörte. Bildquelle

Felix spricht darüber nüchtern, fast sachlich. Man merkt aber, dass ihn diese Zeit politisch stark geprägt hat. Die Verbindung von Wirtschaft, Verantwortung und öffentlichem Dienst zieht sich auch hier durch.


Spannend ist dabei vor allem die Gleichzeitigkeit der Lebenswege: Während Felix in Bern oder beruflich unterwegs war, organisierte Prisca daheim vieles – ohne dabei ihr eigenes Leben aufzugeben.



«Er war der externe Manager, ich die interne Managerin»


Prisca bringt die damalige Rollenverteilung mit einem Satz auf den Punkt, der charmant, treffend und gleichzeitig sehr aufschlussreich ist:


«Er war der externe Manager, ich die interne Managerin.»

Darin steckt keine Geringschätzung, sondern eine präzise Beobachtung.

Felix war stark nach aussen orientiert: Bank, Politik, Gremien, Sitzungen, Reisen. Prisca hielt innen vieles zusammen: Familie, Haus, Alltag – und gleichzeitig ihr eigenes aktives Berufsleben als Stadtführerin.


Dieser Satz erklärt vielleicht mehr über die Beziehung der beiden als viele grosse Worte.



Drei Kinder, viele Wege


Prisca und Felix Walker haben drei Kinder. Auch deren Lebenswege entwickelten sich unterschiedlich – was gut zur Offenheit und Vielseitigkeit der Familie passt.


Im Gespräch wird deutlich, wie wichtig Familie für beide geblieben ist. Nicht als Floskel, sondern als gelebte Realität. Wenn Felix darüber spricht, was einem jungen Menschen wichtig sein sollte, kommt er relativ schnell auf zwei Punkte: eine klare Linie im Berufsleben – und Familie.


Das eine schliesst das andere nicht aus. Im Fall der Walkers gehörte beides immer zusammen.



Was hält eine Ehe fast 60 Jahre zusammen?


1967 heirateten Prisca und Felix Walker. 2027 feiern sie ihren 60. Hochzeitstag.

Was braucht es, damit eine Ehe so lange hält?


Felix antwortet ohne Pathos:

«Toleranz.»

Man müsse den anderen akzeptieren, Kompromisse eingehen und auch zulassen, dass nicht immer nur die eigene Sichtweise richtig sei.


Prisca ergänzt mit einem Augenzwinkern, dass manchmal auch Schweigen und eine Nacht darüber schlafen helfen könne.


Beide romantisieren ihr gemeinsames Leben nicht. Sie sagen offen, dass es gute und weniger gute Phasen gab. Fast sechs Jahrzehnte bestehen nicht nur aus Harmonie. Auch Liebe verläuft nicht über all die Jahre immer gleich.


Und trotzdem blieben sie zusammen.


Oder, wie Felix es schlicht sagt:

«Wir sind geblieben. Eng geblieben.»

Mehr muss man fast nicht erklären.



Was im Leben wirklich zählt


Irgendwann im Gespräch geht es um die Frage, was mit 30 wichtig erscheint – und worüber man im hohen Alter vielleicht anders denkt.


Felix spricht von beruflicher Etablierung, davon, eine Richtung zu finden und etwas aufzubauen. Gleichzeitig nennt er Familie als etwas Zentrales.


Sein vielleicht prägnantester Gedanke betrifft aber den Umgang mit Schwierigkeiten:

«Die Probleme so nehmen, wie sie sind. Nicht verniedlichen und auch keine neuen erfinden.»

Probleme gehören zum Leben. Man soll sie ernst nehmen, aber nicht künstlich aufblasen.


Prisca setzt einen anderen Akzent. Für sie gehören Offenheit, Menschen, Freude und das Geniessen zum Leben. Nicht stehen bleiben, nicht verbittern, sondern das Gute wahrnehmen und mit anderen in Kontakt bleiben.


Vielleicht ergänzen sich die beiden gerade deshalb so gut: nüchterne Klarheit auf der einen Seite, Lebensfreude und Offenheit auf der anderen.



«Jede Phase ist interessant»


Viele Menschen idealisieren einzelne Lebensabschnitte: die Jugend, die Familienjahre, die beruflich erfolgreichste Zeit.


Felix Walker sieht das anders.

«Der Mensch ist so vielseitig. Und jede Phase ist interessant.»

Dieser Satz passt nicht nur als Schlussgedanke, sondern fast als Überschrift über das ganze Gespräch.


Die Jahre bei der Swissair waren interessant. Die Zeit als Stadtführerin auch. Die Jahre an der Spitze von Raiffeisen ebenso. Die Zeit im Bundeshaus sowieso. Und auch das heutige Leben ist wieder eine neue Phase.



Ein neues Kapitel in Rotmonten


Heute leben Prisca und Felix Walker gemeinsam im Altersheim Rotmonten.


Als der Alltag zu Hause zunehmend mehr Unterstützung erforderte, entschieden sie sich bewusst für diesen Schritt. Wichtig war ihnen, weiterhin zusammen zu sein und dort Unterstützung zu erhalten, wo sie im Alltag nötig ist.


Auch dieses Kapitel erleben sie gemeinsam.


Sie schätzen die Betreuung, die Menschen um sich herum und die Sicherheit, die dieser neue Lebensabschnitt mit sich bringt. Vor allem aber zeigt sich auch hier wieder etwas, das sich durch die ganze Geschichte zieht: Die beiden haben sich immer wieder auf neue Situationen eingestellt, ohne sich selbst dabei zu verlieren.



Was bleibt


Man könnte das Leben von Prisca und Felix Walker entlang grosser Namen und Titel erzählen.


Swissair. Hillary Clinton. Raiffeisen. Nationalrat. Kurt Felix.


Doch im Gespräch bleiben am Ende andere Dinge am stärksten hängen: Offenheit, Neugier, Toleranz, Verantwortung, Familie und die Bereitschaft, das Leben in all seinen Phasen anzunehmen.


Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis aus diesem Gespräch:

Nicht ein einzelner Erfolg macht ein gelungenes Leben aus. Sondern die Fähigkeit, die verschiedenen Kapitel anzunehmen – und dabei möglichst viel Menschlichkeit zu bewahren.


Oder, mit Felix Walkers Worten:

«Jede Phase ist interessant.»


Kurz vorgestellt


Prisca Walker-Knechtle

Aufgewachsen in Appenzell Innerrhoden. Sie gehörte zu den ersten Innerrhoderinnen, die bei der Swissair als Stewardess tätig waren. Später arbeitete sie während 33 Jahren als Stadtführerin in St. Gallen.


Dr. Felix Walker

Aus Mörel im Wallis und aufgewachsen in einer Familie mit elf Kindern. Studierte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen und Freiburg, wo er auch promovierte. Langjährig bei Raiffeisen und ab 1989 Vorsitzender der Geschäftsleitung. Von 1999 bis 2006 St. Galler Nationalrat der damaligen CVP.


Gemeinsam

Seit 1967 verheiratet, drei Kinder und heute gemeinsam im Altersheim Rotmonten.

 
 
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